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Bollywood: Exportschlager aus Indien

Mit Kitsch, knalligen Farben und jeder Menge Herzschmerz erobern Bollywood-Filme die westliche Welt. Mittlerweile hat die indische Traumfabrik mit über 1.000 neuen Filmen pro Jahr sogar Hollywood überflügelt. Doch obwohl die Schmachtfetzen auch hierzulande boomen wie nie zuvor, ranken sich immer noch zahllose Mythen um das Hindi-Kino. Höchste Zeit, Licht ins Dunkel zu bringen.

Bollywood-Star Aishwarya Rai
In Indien ein Star, hier nur Filmnerds bekannt: Aishwarya Rai (© Action Press).

Kunterbunte Alltagsflucht

Bollywood-Filme sind oft nach demselben Muster gestrickt und dennoch üben sie eine große Faszination aus. Warum ist das so? Über Jahrzehnte hinweg entstand eine Filmkultur, die sich deutlich von der westlichen unterscheidet. Inder sind begeisterte Kinogänger und erwarten von einem Film vor allem eines: Dass er sie in eine schöne, bunte Welt hineinzieht. Und das gelingt zumeist. Das Publikum erhält ein oftmals drei Stunden andauerndes Filmfeuerwerk aus knalligen Farben, schmetternder Musik und wirbelnden Tanzeinlagen. Ihm wird Liebe, Glück, Action und ein zuckersüßes Happy End präsentiert.

Kontinuität oder Tiefgang spielen im indischen Kino nur eine untergeordnete Rolle: Tanzt das Brautpaar in der einen Szene noch in blauen Gewändern über den Marktplatz, schwirrt es in der nächsten schon in roten Outfits durch den Wald. Dem indischen Publikum geht es nicht um Logik, es möchte verzaubert werden.

Kino für die Ohren

Steuert die Handlung in westlichen Filmen kontinuierlich auf den Höhepunkt zu, verlaufen die indischen Epen weniger zielorientiert. Dort ist der Weg das Ziel, die Dramaturgie pausiert für die kunterbunten Tanz- und Gesangseinlagen. Dieses wilde Potpourri aus Musik und Tanz ist für westliche Augen ungewohnt, gehört zum indischen Film aber dazu wie das Naan-Brot zum Curryhuhn.

Schauspiel, Tanz und Musik sind tief in der indischen Kultur verwurzelt und blicken auf eine jahrtausendealte Tradition zurück. Die von Popmelodien überquellenden Filme führen dieses Erbe auf moderne Weise fort: Vier bis sieben Tänze oder Gesangseinlagen enthält ein Film im Durchschnitt. Diese choreografierten Einlagen sind in Indien so beliebt, dass sie sie regelrecht einfordern.

Entgegen einer weitverbreiteten Annahme sind es – bis auf wenige Ausnahmen – übrigens nicht die Schauspieler selbst, die die Liebesduette und Pophymnen schmettern. Stattdessen nehmen Playbacksänger die pathetischen Stücke bereits vor dem Dreh auf. Die Darsteller bewegen dann nur noch die Lippen dazu.

Deepika Padukone im Film Om Shanti Om.
Lädt zum Tanz: Deepika Padukone in Om Shanti Om (© Action Press).

Top oder Flop? Die Musik entscheidet

Dennoch ist die Musik ein wesentlicher Faktor, der über den Erfolg oder Misserfolg eines Films des indischen Kinos entscheidet. Eine überzeugende Liedauswahl kann sogar einen mittelmäßigen Bollywood-Film an die Spitze der Kinocharts katapultieren. Floppt der Soundtrack jedoch bereits im Vorfeld, endet auch der Film meist als Rohrkrepierer.

Das spiegelt sich auch in den indischen Musikcharts wider: In den Top Ten tummeln sich fast ausschließlich Songs aus bekannten Bollywood-Streifen. Der Soundtrack von Willkommen bei den Hartmanns an der Spitze der deutschen Charts? Nahezu undenkbar!

Seitdem die indischen Heimatfilme zum Exportschlager mutierten, ist jedoch ein Trendwechsel auszumachen. Viele Filmemacher haben eher das ausländische Massenpublikum im Visier und versuchen, ihre Werke diesem Geschmack anzupassen. Das hat zur Folge, dass diese Filme auf epische Gesangs- und Tanzeinlagen verzichten – und auf kommerziellen Erfolg in der Heimat.

Filmplakat von Dilwal.
Love is in the Air: Shah Rukh Khan und Kajol Devgn, die Stars aus Dilwale (© Rapid Eye Movement).

Doch der Schein trügt: Denn Filme wie Om Shanti Om, Dilwale oder Asoka ließen vor allem im Ausland die Kasse klingeln. Den Filmmarkt in Indien teilt sich Shah Rukh Khan mit anderen „königlichen“ Bollywood-Größen wie Salman Khan, Saif Ali Khan oder Aamir Khan, die hier fast niemand kennt. Vor allem Letzterer wird als der nächste internationale Star gehandelt.

Ähnlich verhält es sich mit den weiblichen Bollywood-Größen. Während Aishwarya Rai, Priyanka Chopra oder Deepika Padukone hierzulande nur echten Filmnerds bekannt sind, werden sie auf dem indischen Subkontinent von Millionen Fans angehimmelt und zieren Filmplakate und die Titelseiten von Modemagazinen.

Liebesgrüße aus Bollywood

Es gibt ein weiteres wichtiges Merkmal für erfolgreiche Bollywood-Filme: der nasse, weibliche Körper. Der wird jedoch nicht nackt zur Schau gestellt. Das ist ein absolutes No-Go. Zwar ist es falsch, die indische Gesellschaft als prüde zu bezeichnen, schließlich ist das Kamasutra eine Erfindung aus Indien. Es stimmt aber, dass Küsse in der Öffentlichkeit nicht allzu gern gesehen werden – geschweige denn nackte Körper in Filmen. Zwar gehören Berührungen zum Bekunden von Emotionen und Liebe dazu – aber nur beim gleichen Geschlecht. Das führt zu der absurden Situation, dass ein Mann problemlos Hand in Hand mit einem anderen Mann durch Mumbai schlendern kann, nicht jedoch mit seiner Ehefrau. Ebenso sind allzu freizügig entblößte Körperteile verpönt.

Um dennoch einen gewissen Anteil an Schlüpfrigkeit abzubilden, greifen die Filmemacher daher auf einen skurrilen Trick zurück: Sie bauen in fast alle Produktionen eine Art Wet-T-Shirt-Contest ein – zusammenhanglose Regenszenen, die dem einzigen Zweck dienen, die Filmdiven bis auf die Haut zu durchnässen. So werden die weiblichen Konturen sichtbar, ohne dass die Filmemacher sich dem Vorwurf der Nacktheit aussetzen müssen.

Doch die Zeiten, in denen Kussszenen oder nackte Haut in Bollywood komplett verboten waren, sind seit den 90er-Jahren passé. In Anpassung an den westlichen Markt flimmern immer mehr frivole Filme über die Leinwand, die mit den alten Tabus brechen. Zudem spielt in den meisten indischen Filmen, die auf den europäischen Markt kommen, Megastar Shah Rukh Khan die Hauptrolle. In dessen Filmen gibt es keine Kussszenen – das mag „King Khan“ schlichtweg nicht. Andere, hauptsächlich in Indien bekannte Schauspieler, sind da weniger zimperlich: Emraan Hashmi brachte seine Vorliebe für Kussszenen sogar den Spitznamen „Serial Kisser“ ein.

Auch die weiblichen Darsteller legten in den letzten Jahren nicht nur ihre Schüchternheit ab, sondern auch ihre Kleider: Eine neue Generation junger Schauspielerinnen wie Aishwarya Rai trägt im Film mutig Bikini oder Minirock.

Indiens heißester Export

Doch zurück zu Shah Rukh Khan: Er ist in Indien eine lebende Legende und gilt als das größte Sexsymbol außerhalb Hollywoods – was insofern verwundert, da der Star der indischen Filmindustrie gar keine erotischen Szenen dreht. Shah Rukh Khan spielte in über 70 Filmen mit und hat weltweit eine riesige Fangemeinde. Kein Wunder, dass Shah Rukh Khan das Gesicht im Ausland ist und die Zuschauer das Gefühl beschleicht, es gäbe gar keinen indischen Film ohne Khan!

Shah Rukh Khan in Dilwale.
Knallhart, küsst aber nicht: Megastar Shah Rukh Khan (© Rapid Eye Movement).

Bollywood boomt

Mittlerweile haben zahlreiche westliche Filmfans ihr Herz an das Kino aus Indien verloren. Sie lieben die rauschenden Farben, die opulenten Kostüme und den bisweilen trashigen Genre-Mix aus Liebesfilm, Drama und Musical. Der Siegeszug von Bollywood ist ungebrochen – und ein Symbol für die immer stärker globalisierte Welt, die uns exotische Kulturen ins heimische Wohnzimmer bringt.

Ihr wollt mehr Kino fürs Ohr? Die besten Soundtracks der Filmgeschichte findet ihr hier

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