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Independent-Horrorfilme: Grusel mit Grips

Die Faszination des Horrorkinos ist ungebrochen: Intelligente Schocker wie The Witch oder It Follows überzeugen mit gewitztem Grusel und schlauen Stories. Horror ist jedoch kein neues Phänomen – bereits in den 70er-Jahren sorgten junge Filmemacher mit ihren schaurigen Visionen für Furore.

Kleines Budget, großer Schrecken

Als Tobe Hooper 1974 nach einem gescheiterten Filmprojekt mit den Aufnahmen zu seinem neuen Horrorfilm begann, deutete nichts darauf hin, dass er mit der Low-Budget-Produktion Texas Chainsaw Massacre Filmgeschichte schreiben sollte. Wie auch? Die Dreharbeiten unter der brütenden Sonne im ländlichen Texas verliefen chaotisch. Darsteller wurden aus Amateuren und Absolventen der Filmhochschule rekrutiert, das Drehbuch bis zur letzten Woche laufend geändert und die Dialoge improvisiert. Hinzu kam der bestialische Gestank, der sich schon bald über das Set legte: Die Requisiten bestanden aus echten Tierkadavern und -knochen sowie Hühnerdreck, die unter der sengenden Hitze rasch verwesten. Den Darstellern verlangten diese Zustände alles ab: Ohnmachtsanfälle, Verbrennungen und andere Verletzungen waren unter den dürftigen Sicherheitsvorkehrungen an der Tagesordnung – ein Wunder, dass der Film unter solchen Umständen überhaupt fertiggestellt wurde.

Beginn des Kettensägen-Kults

Texas Chainsaw Massacre kam Ende 1974 in die Kinos und löste in den USA eine Welle der Empörung aus: Die Jagd des Kettensägenkillers auf fünf junge Menschen verstörte das Publikum. Und dennoch wurde der Splatterfilm zu einem der erfolgreichsten Horrorfilme aller Zeiten. Denn neben schockierenden Bildern bestach der Film durch innovatives Sounddesign, subtilen Schnitt und eine einzigartige Atmosphäre, die nur im kreativen Wahnsinn unabhängiger Filmemacher gedeihen konnte. 1978 nahm sogar das New Yorker Museum of Modern Arts den Splatterfilm in seine Sammlung auf. Der Indie-Horrorklassiker prägte mit seinen Szenen ein ganzes Genre und erspielte 55 Millionen Dollar – bei einem Budget von nur 60.000 Dollar.

Nick Castle im Film Halloween
Kommt garantiert nicht zum Zwiebelschneiden: Maskenkiller Michael Myers (© Concorde).

Der Killer mit dem Küchenmesser

Erfolgreicher als die Kettensägen-Groteske war nur ein Schlitzerfilm, der vier Jahre später sogar das 150-Fache seines Budgets von 47.000 Dollar einspielte: John Carpenters Halloween. Carpenter drehte den Urfilm aller Slasherfilme ohne die Unterstützung großer Produktionsstudios und schuf mit Michael Myers einen Bösewicht, der zu den berühmtesten der Filmgeschichte zählt. Jedes Jahr an Halloween rückt der stille Killer mit dem Küchenmesser seinen Opfern auf die Pelle. Er wurde so zur Vorlage für unzählige Serienkiller wie Jason Voorhees aus Freitag der 13., Freddy Krueger aus der Nightmare-Filmreihe oder Ghostface aus Scream.

Der Erfolg von Halloween führte Mitte der 80er zu einer Blütezeit des Slasherfilms. Der florierende Videomarkt ermöglichte es unabhängigen Filmemachern, günstig produzierte Produktionen auf den Markt zu bringen. Erst Ende der 80er-Jahre ebbte die Welle wieder ab.

Szene mit The Ram Man im Film Hostel
Immer krasser, immer härter: Hostel setzte neue Maßstäbe im Splatterfilm-Genre (© SPHE).

Der reine Horror: das Splat Pack

Eine Gruppe unabhängiger Jungfilmer knüpfte in den Nullerjahren an das blutige Erbe der Kultgrusler an: Das Splat Pack, benannt nach dem legendären Rat Pack, drehte harte und günstige Horrorfilme, die sich in ihrer Freude am Massaker gegenseitig überboten. Als kreative Köpfe der neuen „Folterporno“-Welle taten sich James Wan (Saw) und Eli Roth (Hostel) hervor. Vor allem das blutgetränkte Splatterinferno Saw um den sadistischen Strippenzieher Jigsaw setzte in puncto Gewalt neue Maßstäbe im Horrorfilm und mauserte sich zum Kassenschlager. Nach langanhaltendem Erfolg und unzähligen Trittbrettfahrern ging der neuen Splatterfilm-Bewegung aber irgendwann die Luft aus. Mehr Tote, mehr Blut und mehr Foltermethoden führten nicht dazu, die wachsende Sucht nach immer krasseren Szenen zu befriedigen. Stattdessen ließ die hohe Schockdosis dem Zuschauer keine Zeit mehr, sich mit den Protagonisten zu identifizieren. Der Ekel schien in die Jahre gekommen zu sein – und die Zeit war reif für die nächste Evolutionsstufe des Horrorfilms.

Vom Schlachthaus ins Arthouse

Ironischerweise verhalf die brutale „Folterporno“-Welle einer neuen unblutigen Horrorszene zum Aufstieg, die mit modernen Effekten und inhaltlichen Grenzüberschreitungen Mut zu neuen Erzählformen bewies. Indie-Filmer James Wan verließ die Saw-Reihe bereits nach dem ersten Teil und gab mit seinen Spukhausthrillern Insidious und Conjuring die Richtung der neuen Bewegung vor. Wan bewies mit dem innovativen Schauerkino, wie effektiv und nervenzehrend Retrohorror heute noch sein kann – ohne Effektgewitter und unnötige Gewaltorgien.

Die Werbewucht des Internets, die schon den No-Budget-Spuk Blair Witch Project 1999 an die Spitze der Kinocharts katapultierte, und der Preisverfall digitaler Effekte halfen den neuen Spielarten des Grauens beim Aufstieg.

Essi Davis und Noah Wiseman im Film Babadook
Essi Davis als alleinerziehende Mutter im innovativen Gruselfilm Der Babadook (© Alive).

Das neue Grauen: vielschichtig und weiblich

Spätestens 2014 erreichte die Bewegung die Feuilletons: It Follows und Der Babadook beschrieben die Gegenwart präzise wie ein Sozialdrama und fanden neue Wege, die Zuschauer das Fürchten zu lehren.

In It Follows kam das Böse in Gestalt eines fiesen Sexfluchs, der pubertierende Teenager in den Suburbs von Detroit heimsuchte. Was sich nach absurdem Teenietrash anhört, ist eine kluge Hommage an den klassischen amerikanischen Horrorfilm. Halloween stand als Prototyp des US-Vorstadthorrors genauso Pate wie Stephen Kings ES, in dem der Clown Pennywise als bösartige Ausformung des Unbewussten zahlreiche Teenager jagt.

Ähnlich innovativ inszenierte die australische Regisseurin Jennifer Kent ihren Horrorfilm Der Babadook. Dort tritt ein Kinderbuchwesen in das gestresste Leben einer Mutter. Zunächst erscheint der Babadook liebevoll und freundlich, zeigt jedoch schon bald sein wahres Gesicht: Er ergreift immer mehr Besitz von ihr und ihrem Jungen. Diese Metapher steht für die Sorgen und Seelenzustände einer alleinerziehenden Mutter, deren Ängste in der Figur des Babadooks gekonnt visualisiert werden. Kent stellte eine komplexe Frauenfigur in den Mittelpunkt ihres Films und nahm damit einen Trend vorweg, der den Indie-Horror der nächsten Jahre mitbestimmte – vom iranischen Teengirl-Vampirfilm A Girl Walks Home Alone at Night zum Gruselkabinett gekränkter Männlichkeit in Don’t Breathe.

Feministische Hexenjagd

Ihr Meisterwerk feierte die feministische Bewegung im Horrorfilm 2015 mit The Witch. Das Schauerstück des Regisseurs Robert Eggers spielt im 17. Jahrhundert und handelt von einer Familie englischer Siedler, die zehn Jahre zuvor mit der Mayflower an der Küste Amerikas ankam. Im Mittelpunkt steht die unglückliche Thomasin, die nachts den Blicken ihres Bruders ausgesetzt ist und sich tagsüber mit ihren Geschwistern rumschlägt. Ihr Pakt mit einer Hexe gleicht einem Befreiungsschlag, der ihre Familie zerstört und sie aus den Zwängen des Patriarchats entlässt.

Anya-Taylor Joy im Film The Witch
Hexenjagd am Rande des Wahnsinns: Anya-Taylor Joy in The Witch (© Universal).

The Witch ist eine feministische Metapher für die Emanzipation der Frau. Hexenverfolgungen werden in der Geschichte als Ausdruck der Furcht vor weiblicher Sexualität und Selbstbestimmung gedeutet – in Eggers Horrorfilm behalten die Zauberwesen die Oberhand.  

Mit Hipster-Vampiren in die Zukunft

Inzwischen verschwimmen die Grenzen zwischen großen Studioproduktionen und Independent-Horrorfilmen. Auch kleine Filme können mittlerweile mit „Starpower“ protzen. Doch ob unabhängig gedreht oder mit der Hilfe großer Studiodampfer: Horrorfilme bleiben lukrativ. Die Produktionskosten halten sich in Grenzen, dafür spielen die Filme schnell das Mehrfache wieder ein. Auch thematisch bleibt es spannend: Zwar kehren weiterhin die klassischen Schreckfiguren wie Michael Myers oder Freddy Krueger auf die Leinwand zurück, gerade die Ansätze aus dem Indie-Bereich sind jedoch unheimlich kreativ – ob Jim Jarmuschs Hipster-Vampire aus Only Lovers Left Alive oder die fühlenden Zombies aus The Girl with All the Gifts.

Ihr wollt mehr zu den lebenden Toten erfahren? Hier gibt's alles zur Geschichte des Zombiefilms

Diese Filme findet ihr als Video on Demand bei Videoload auf EntertainTV

Halloween
Freitag der 13.
Nightmare On Elm Street - Mörderische Träume
Saw
Hostel
Insidious
Conjuring
Blair Witch Project
It Follows
Der Babadook
Stephen Kings ES
A Girl Walks Home Alone at Night
Don’t Breathe
The Witch

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