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Transgender-Filme: Mann, Frau und alles dazwischen

Männer sind Männer und Frauen eben Frauen. Das war lange die einzige und sehr eindimensionale Perspektive, die Hollywood wählte. Differenziertere Lesarten zur Geschlechtsidentität blieben vor allem dem Independent-Kino und dem Dokumentarfilm vorbehalten. Das galt für sämtliche queeren Themen – also für alles, was von der vermeintlichen Norm abweicht. Darin inbegriffen: Transgender, kurz Trans. Zu ihnen zählen Menschen, die sich nicht mit der für sie vorgesehenen Geschlechterrolle identifizieren können.

The Danish Girl.
Ziemlich riskant für die 30er-Jahre: Einar will im Film The Danish Girl durch eine Operation zur Lili werden (© Universal).

Zu Trans gehören auch Transsexuelle: All jene Frauen und Männer, die ihr bei der Geburt zugewiesenes Geschlecht durch eine geschlechtsangleichende Operation und eine Hormonbehandlung verändert haben. Wiederum etwas anderes ist die Travestie. Sie meint in erster Linie das Rollenspiel der Geschlechter auf der Bühne. Als Showelement hat die Travestie schon lange einen festen Platz auf der Leinwand. Allerdings haben Filmklassiker wie Manche mögen’s heiß oder Charleys Tante nichts mit den Lebenswelten und Gefühlen von Transgendern zu tun, denn Identitätsfragen werden hier nicht gestellt.

Erst in den vergangenen 20 Jahren haben die Themen Transgender und Transsexualität das Mainstreamkino erreicht – und seitdem bewiesen, wie viel emotionaler Sprengstoff darin steckt.

Transgender im Mainstreamkino

Spätestens seit dem Jahr 2000 sind Filme, die Transgender und Transsexualität thematisieren, auch auf der Kinoleinwand angekommen. In diesem Jahr zeichnete die Jury der Academy Awards gleich zwei entsprechende Filme mit dem Oscar aus: Boys Don’t Cry von Kimberly Peirce und Alles über meine Mutter von Pedro Almodóvar. Erstgenannter beruht auf einer wahren Lebensgeschichte. Die junge Frau Teena Brandon beschließt, als Brandon Teena ihre männliche Identität auszuleben. Als sein ursprüngliches Geschlecht bekannt wird, erfährt Brandon viel Ablehnung und Gewalt – mit dramatischen Folgen. Der Film mit Hilary Swank in der Hauptrolle beschreibt die aggressive Ablehnung des Andersseins durch die Gesellschaft.

Dallas Buyers Club.
Zurecht mit dem Oscar prämiert: die Freundschaft zwischen Ron und Rayon in Dallas Buyers Club (© Ascot/Elite/Universum).

In Alles über meine Mutter hingegen sind es Frauen und Transfrauen, die mit Schmerz und Schicksalsschlägen umzugehen lernen: Zum Beispiel Manuela, die nach dem Tod ihres Sohnes dessen leiblichen Vater sucht. Der lebt als die transsexuelle Lola inzwischen seine weibliche Seite aus. Ein vielschichtiges Melodram, das von vielen Kritikern als Meisterwerk betrachtet wird. Ebenfalls ein breites Publikum erreichte das Drama Dallas Buyers Club, das 2013 in die Kinos kam. Es erzählt die wahre Geschichte des Aids-Patienten Ron Woodroof, der in den 80er-Jahren illegale Medikamente von Mexiko nach Texas schmuggelte. Obwohl Ron Woodroof (Matthew McConaughey) Transgender und Schwule zunächst ablehnt, verbindet ihn bald eine enge Freundschaft mit der Transfrau Rayon (Jared Leto). Sowohl Matthew McConaughey als auch Jaret Leto – beide selbst nicht Trans – erhielten für ihre Darstellung den Oscar.

Aufsehenerregend war der Film The Danish Girl von 2016. Regisseur Tom Hooper erzählt darin die Geschichte einer der ersten Transsexuellen, die eine geschlechtsangleichende Operation durchführen ließ. Schauspieler Eddie Redmayne überzeugt in der Rolle des dänischen Landschaftsmalers Einar Wegener, der sich im falschen Körper gefangen fühlt. Aus Einar Wegener wird Lili Elbe, die sich schließlich zur Operation durchringt – Anfang der 30er-Jahre aus medizinischer Sicht allerdings eine höchst riskante Angelegenheit. The Danish Girl bietet viel Melodramatik, bleibt jedoch in mancherlei Hinsicht oberflächlich.

Transamerica.
Transfrau Bree muss im Film Transamerica ihrem Sohn erst noch von ihrer wahren Identität erzählen – ein mutiger Schritt (© Action Press).

Das bittersüße Anderssein

Aber auch fernab der großen Hollywood-Erfolge beleuchten immer mehr Filme die Facetten von Geschlechtsidentität im Zusammenspiel mit Gesellschaft und Familie. Feinfühlig und humorvoll zugleich ist die Tragikomödie Transamerica (2005). Felicity Huffman spielt darin die Transfrau Bree, die kurz vor ihrer geschlechtsangleichenden Operation von der Existenz ihres Sohns erfährt. Der sitzt in New York im Gefängnis und bittet seinen unbekannten Vater, ihn dort abzuholen. Nur auf Drängen ihrer Therapeutin geht Bree auf diese Bitte ein. Als sie ihren Sohn trifft, schafft sie es nicht, ihre wahre Identität preiszugeben. Trotzdem nähern sich die beiden auf einem Roadtrip an. Felicity Huffman, bekannt aus der Fernsehserie Desperate Housewives, erhielt für ihre Darstellung neben dem Golden Globe auch den Leserpreis des queeren Magazins Siegessäule.

Ebenfalls viel Raum für Zwischentöne bietet der französische Film Tomboy aus dem Jahr 2011. Tomboy – dieser Begriff bezeichnet ein jungenhaftes Mädchen. So wie die zehnjährige Laure, die in diesem Film beschließt, sich einen Sommer lang als Junge auszugeben. Frei von Pathos zeigt die Geschichte das erste bittersüße Erahnen des Andersseins und die damit einhergehenden Verletzungen, ohne das ganz große Drama zu inszenieren. Doch kaum ein Transgender macht alle Konflikte allein mit sich selbst aus.

Laurence Anyways.
Wenn der Partner plötzlich zur Partnerin wird: Laurence Anyways (© Eurovideo).

Die Schwierigkeiten mit Partner und Familie erkundet die ebenfalls französische Produktion Laurence Anyways (2012): Als Laurence seiner Freundin Frédérique gesteht, dass er sich als Frau fühlt, wird dies zur Belastungsprobe für die Beziehung. Von Problemen im familiären Umfeld handelt auch der erst vor Kurzem erschienene Film Alle Farben des Lebens (2016). In der Hauptrolle: Elle Fanning als das Mädchen Ramona, das in der Pubertät zum Trans-Jungen Ray wird. Ray äußert schließlich den Wunsch, sich auch körperlich zu verändern und sich einer Hormontherapie zu unterziehen. Seiner alleinerziehenden Mutter und ebenso der Großmutter fällt es schwer, die Situation zu akzeptieren. Auch sie müssen sich tief greifenden Identitätsfragen stellen. Der Film lässt einen gewissen Tiefgang vermissen, begeistert aber mit der großen Spielfreude der drei Hauptdarstellerinnen Elle Fanning, Naomi Watts und Susan Sarandon.

Für Empathie und Anerkennung

Der Kampf gegen gesellschaftliche Diskriminierung ist vielschichtig und brisant. Das bewiesen nicht zuletzt die Diskussionen rund um den Film Stonewall (2015) vom deutschen Regisseur und Produzenten Roland Emmerich. Der Streifen handelt von den Unruhen im Juni 1969 in New York rund um das Stonewall Inn und erinnert an die heutigen Gay-Pride- und Christopher-Street-Day-Umzüge. Ein persönliches Anliegen für den selbst homosexuellen Roland Emmerich.

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Stonewall.
Die Charaktere in Stonewall sind Vorreiter im Kampf für Diversität (© Action Press).

Trotzdem führte der Film in der LGBT-Community (Gemeinschaft der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender) zum Aufschrei. Transgender, Lesben, Farbige: Sie alle fühlten sich darin auf Nebenrollen reduziert. Die Kritik lautet: Der Film würde die Vielfalt der tatsächlichen Bewegung nicht repräsentieren und stattdessen nur die Sicht der weißen Mehrheitsgesellschaft widerspiegeln. Nicht ganz zu Unrecht, denn Diversität kann eben nur im Ganzen gedacht werden.

Wie fühlt es sich an, im falschen Körper geboren zu sein und sich mit dem anderen Geschlecht zu identifizieren? Welche Vorurteile bestehen in der Gesellschaft? Und wie lebt es sich damit? Welche körperlichen Auswirkungen hat eine Hormontherapie? Aus der Sicht von Transgendern und Transsexuellen wird womöglich kaum ein Film diese existenziellen Fragen erschöpfend beantworten. Für andere, die sich noch nie damit auseinandergesetzt haben, sind sie jedoch ein erster Einstieg in eine vielschichtige Thematik. Und um alle Facetten unserer liberalen Gesellschaft sichtbar und selbstverständlich zu machen, leistet jeder Transgender-Film seinen ganz eigenen Beitrag.

Diese Serien findet ihr als Video on Demand bei Videoload auf EntertainTV

The Danish Girl
Boys Don't Cry
Tomboy
Alle Farben des Lebens
Dallas Buyers Club
Transamerica
Laurence Anyways
Stonewall

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